Interview mit Chris Zippel | Von Genuine bis Pet Shop Boys

Er hat mit den Pet Shop Boys Songs geschrieben, Robbie Williams und Ich + Ich produziert und mit seinem ganz persönlichen Projekt GENUINE den so genannten Nu Ambient mitbegründet.

 

Zwischen Spanien und Deutschland jettend, gehört der in Berlin lebende Produzent und Komponist Chris Zippel seit Januar 2009 zur c-tube Jury. Hier ist das große, das wiiiiiirrrklich große Interview mit dem Multitalent und Profi-Producer....

 

 

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Hallo Chris, die bist Musikproduzent, Komponist und Remixer. Wie bist Du auf c-tube aufmerksam geworden?

 

Chris Zippel: Ich hatte schon vor Jahren ab und zu mit Rene Rennefeld  und seiner Firma Lautstark an verschiedenen Musikprojekten gearbeitet und mich immer wieder mit ihm ausgetauscht. Als ich hörte, daß er bei c-tube involviert ist, war ich natürlich neugierig und hab mich mal reingeklickt.

 

Es tummeln sich mittlerweile über 900 Bands und Künstler auf c-tube. Dein Eindruck von unserer Musikvideoplattform, mit Wochencharts und Wettbewerb...

 

Chris Zippel: Die Grundidee, Videos und Musik von Usern und Profis zu besprechen und zu kommentieren finde ich genial. So bekommt man konsumer- und profesionelles Feedback mit einem einzigen Tool, feine Sache - wenn man denn Kritikfähig ist. Viele Künstler wissen gar nicht wo sie mit Ihrer Musik stehen und auf was für einem Level sie sich bewegen.


Was gefällt dir besonders und was könnten wir noch besser machen...

 

Chris Zippel: Mir gefällt der konstruktive Ton, Spirit und Anspruch der bei c-tube herrscht. Weiterhin auch die Möglichkeit direkt Kontakt aufzunehmen und ungeschliffene Diamanten zu entdecken und zu fördern. Die Bandbreite der Videos ist groß, wobei ich verwundert war über die vielen Beiträge zu Rock und Emo (EMOtional Hardcore). Hier vermisse ich etwas die mehr experimentellen Künstler, wobei ich mir bestimmt noch nicht alles anschauen konnte. Das FITZCARRALDO in den c-tube Charts # 39 gesiegt hat, freut mich in diesem Zusammenhang besonders.

Als Jury würde ich noch mehr Bewertungspunkte erwarten, vielleicht 10 Punkte statt den im Augenblick 5 Punkten, um genauer bewerten zu können. Professionelle Master, Songs und Videos, welche final und endgültig fertig produziert sind, sollten vom Uploader oder Administrator kenntlich gemacht werden, um hier eine Abgrenzung zu den Layout- und Demobeiträgen zu erleichtern.

 

Ich bin selber bei der Firma Soundcloud Ltd. involviert, gegründet von Eric Wahlforss and Alexander Ljung, siehe auch blog.soundcloud.com. Soundcloud ist eine Art Flickr für Musiker, für die Distribution und Organisation von Musik über das Internet.

 

Spezielle Browser-Player, welche die Song Amplitude bzw. Waveform zeitlich darstellen, erlauben es, Kommentare mittels Sprechblasen direkt an der betreffenden Stelle zu hinterlassen. Auch die Möglichkeit einer direkten Antwort auf den jeweiligen Comment ist möglich und noch viel mehr. Einige der Soundcloud Funktionen könnten auch bei c-tube den Kommentator-Alltag vereinfachen - eventuell gibt es ja Synergien.

 

Es gibt bei Soundcloud kostenlose Accounts für den Hobbymusiker,  aber auch erweiterte Profi-Accounts mit Gigabytes Speicherplatz, Statistiken und sogenannten Dropboxes. So kann zb. auch ein Plattenlabel mit Unmengen von Musikdaten ihren Katalog dort einfach verwalten und vertreiben: soundcloud.com/tour.

 

Du bist neu in der c-tube Jury. Worauf achtest du, wenn du dir ein Video auf c-tube anschaust?

 

Chris Zippel: Ist ein Video zu professionell oder aufwendig und damit auch oft stereotypisch produziert, ist es für mich als Jurymitglied schon nicht mehr so Interessant. Der c-tube Spirit liegt für mich im Unperfekten und dem Mut auch ein Video einzustellen, welches noch nicht 100%ig ist. Es geht doch um gegenseitige Befruchtung und Inspiration für eventuelle Änderungen und Verbesserungen, oder?


Was braucht ein Videosong, damit er dich begeistert?

Chris Zippel: Ein Video muss den Song optisch gut unterstützen und transportieren oder eine gänzlich andere, neue und interessante Dimension zum Sound hinzufügen. Vielleicht etwas, was im ersten Augenblick sogar konträr zum Song und den Erwartungen läuft, aber dadurch eine ganz neue Sichtweise auf den Song eröffnet. Neben der Professionalität ist natürlich auch die Originalität der Idee und Umsetzung bedeutend.

 

Was braucht ein Videosong heutzutage, damit er die Leute erreicht?

 

Chris Zippel: Im besten Falle Originalität und Emotion oder aber auf Nummer Sicher: bewährte Standards und visuelle Stereotypen, welche leichter konsumiert werden können.

 

Kann man diesen Erfolg planen?

Chris Zippel: Mit dem richtigen Werbebudget und einer großen Kooperation im Fernsehen bestimmt.

 

Du hast mit so erfolgreichen Stars wie Pet Shop Boys, Robbie Williams und Ich + Ich zusammengearbeitet. Wie kam es zu diesen Kooperationen, was hast du da gemacht und was steht in Zukunft an?

 

Pet Shop Boys

Robbie Williams

Ich + Ich

Chris Zippel: Die Kooperationen mit den Pet Shop Boys kam durch meine Vergangenheit als Technoliebhaber und Labelbetreiber von D'vision Records zustande. Ich produzierte damals für das Label MFS Records. Der Labelmacher kannte die Boys welche gerade in Berlin einen Produzenten suchten. Ich bewarb mich mit anderen Produzenten beim Management der Pop Ikonen und konnte Sie anscheinend vor allen Dingen durch meine atmosphärischen Ambient-Produktionen überzeugen.

Es folgte eine lange Zusammenarbeit und viele strange Partyabende in Berlin Mitte und im Schöneberger Kiez. Die Jungs kamen mit Demos, welche sie bereits in London aufgenommen hatten zu mir in mein Berliner Studio. Bei Tee und Cookies haben wir dann zusammen die Songs weiter aufgebaut und ausproduziert. Dabei konnte ich natürlich viele Sounds und Klangvorlieben mit in die Produktion einfließen lassen.

 

Die Detailarbeit und Mischungen machte ich dann meistens allein, wenn die Boys schon wieder in England neuen Terminen nachgingen. Die Single "London" entstand aus einem alten Song welchen ich vor Jahren geschrieben hatte. Eher zufällig spielte ich das Demo den beiden vor und Neil Tennant begann sofort den Verse weiterzuspinnen und fügte einen neuen Refrain hinzu...

 

Pet Shop Boys Video "London"

 

Das war wirklich einer dieser Magic Moments, denn innerhalb einer Stunde war ein gemeinsamer neuer Song entstanden. Die Pet Shop Boys vermittelten mich dann auch für die Produktion auf Robbie Williams letztem Album "Rudebox".

 

Zu Ich + Ich bin ich über die Coproduktion von Maya Sabans Album gekommen, welches u.a. von Adel Tawil, dem heutigen Sänger von Ich + Ich produziert wurde. Mit Anette Humpe verstand ich mich sofort und die Band brauchte am Anfang noch mehr Input und Inspiration bei einigen Tracks: So hab ich einfach drauflos programmiert und u.a. auch den Song produziert, welcher später der Band ihren Namen gab: Ich + Ich.

 

Gefragt bist du ebenso als genialer Remixer im Club- und Dancebereich. Du hast diverse Tranceprojekte auf den Weg gebracht bzw. anderen zum Erfolg geholfen. Wie schafft man diesen Spagat zwischen Pop und Elektronischer Avantgarde. Ist es Begeisterung, Leidenschaft oder eben 'nur' ein Auftrag?

 

Chris Zippel: Das haben mich schon einige Leute gefragt: Im Zeitalter des Total Recall von Mischungen und Produktionen habe ich irgendwie die Fähigkeit entwickelt auch gefühlsmäßig zwischen den verschiedensten Genres hin und herzuschalten. Bei der Produktion von z.b. Marianne Rosenbergs Album "Für immer wie heute" hatte ich genausoviel Spaß und tolle Momente wie bei meinen eigenen Produktionen, oder auch beim Remix für Snap oder Schiller.

 

Es fasziniert mich einfach gut klingende Mischungen und aufgeräumte Arrangements zu erstellen, mich mit Raum, Klang, Equalizern und Dynamikprozessoren auseinanderzusetzen bis der Songs immer durchsichtiger wird und alle Beteiligten zufrieden sind. Das ist immer das Gleiche, egal bei welcher Musikart.

 

Es gibt aber auch hier Grenzen und sicherlich bin ich mit etwas mehr Seele bei meinen privaten, eher melancholischen Songs am Werk.

 

Was hat es mit GENUINE auf sich, und was bedeutet Nu Ambient, wer sind ihre Vertreter?

 

 

Chris Zippel: Das Musikprojekt und Alter Ego "Genuine" von 1998 ist meine ganze persönliche Antwort auf Kommerz und musikalische Belanglosigkeit. Es ist eine Art Rückbesinnung auf das, was mich an Musik am meisten begeisterte: Tiefe, Klarheit, Rhythmus und Gewandheit. Jenseits aller Pop- Produktionen ist dies mein Spielplatz, wo ich frei experimentieren kann und mir selbst am nächsten bin.

 

"Genuine I"

"Genuine 2"

"Genuine Horizon"

Die beiden Alben Genuine I und II auf 96 Sounds | www.chriszippel.de überraschten Ende der neunziger mit großen Erfolg in Europa und auch in den USA.  Im Laufe der Jahre hat sich daraus eine Art Genuine-Prinzip für mich selbst erhoben, für mehr Authentizität im Leben, als Anker und auch als Entscheidungshilfe. Das dritte Album der Genuine-Reihe erschien 2008 bei dem Label Elektrolux unter dem Titel: "Genuine Horizon". Eine Weiterentwicklung des Genuine-Prinzips, teilweise mit Songstrukturen und Gastsängern wie Adel Tawil von Ich + Ich, Sandra Baschin oder Tusnelda aka Sophie Page aus Dänemark. Für Interessierte: Es existiert auch eine Special Japanese Edition davon auf dem japanischen Label Receptor Tune und am 13. Februar 2009 erscheint das Remix Album auf Elektrolux: Genuine Horizon - Remixes.

 

"Genuine Horizon" (Japan Edition)

"Genuine Horizon Remixes"

 

Bezüglich "nu ambient grooves": Inspiriert wurde ich von Künstlern wie Harold Budd, Steve Reich, The Orb oder den Cocteau Twins. Mir fehlte jedoch oft der Groove und kraftvolle, clevere beats. Gerade auch bei einigen frühen Ambient Künstlern wie zb. Brian Eno oder David Sylvian hatte ich das Gefühl, daß Ambient über bloße Atmosphären hinausgehen könnte ohne gleich zu Lounge oder Chillout zu mutieren: Wäre dies dann "nu ambient"?! Ich nannte meine Alben jedenfalls nach dieser Idee.

 

Auch eines meiner neuesten musikalischen Vorhaben, welches ich zusammen mit Florian Richter  (Anm. der Red.:  Producer und c-tube Juror | www.brandnewstudio.com) produziere, steht in diesem genuinen Geist: AMNID. Wir konnten dafür bereits die Sängerin Shola Ama aus London und Diana King aus Miami gewinnen. Mehr möchte ich zur Zeit aber noch nicht verraten.

 

Du lebst und arbeitest mitten in Berlin, die Gedächtniskirche praktisch vor der Haustür. Steht deine Musik -- die eigene, die Remixe, die Produktion von deinen und anderen Songs -- in umittelbarem Zusammenhang zu der Stadt und dem Ort?

 

Chris Zippel: Ich glaube nicht unbedingt. In meinem Studio habe ich mir einen ganz eigenen Space geschaffen, produziere aber auch viele Layouts auf Reisen, vor allen in Spanien wo ich mich die letzten Jahre oft aufgehalten habe. Obwohl ich gestehen muss, daß die berliner Tresor Parties von Sven Väth am Tag nach der Loveparade auch immer ein musikalisches Schlüsselerlebnis waren.

 

Deine Drei Lieblingsvideos auf c-tube...

 

Chris Zippel:

© Marcos López für c-tube Media GmbH, 27. Januar 2009