Interview mit c-tube Chartgewinner ROCKZIPFEL

 

Yo, Gregi. Seit zwei Jahren rackerst du dich auch auf c-tube ab und versorgst uns regelmäßig mit frischem PopRock-Singer / Songwriter-Mundart-Indie aus der Schweiz. Jetzt rockst du gleich zweimal die Charts hintereinander und kriegst von deinem großen Erfolg nichts mit, weil du in Thailand dem Chill Out fröhnst. Winterflucht, neue Liebe, oder dachtest du vielleicht, jetzt, wo nach deinen c-tube Chartgewinnen jedem klar sein muss, welches Potenzial in dir schlummert -- Superman lässt grüßen! ;-) -- musst du dem drohenden Ansturm entfliehen?

 

ROCKZIPFEL: Sehr schöne Frage! So schön, dass ich mich nicht zu einer seitenlangen ironischen Antwort hinreissen lassen will - obwohl mich das reizen würde. Die Wahrheit liegt zwischen Winterflucht und einer kleinen Pause vor meinem "Alter Ego" Rockzipfel. Ja, diese Figur gab einiges zu tun in diesem Jahr.

 

Sieben Clips sind abgedreht und während ich hier wieder mal was anderes mache als Rockzipfel-Zeugs (hehe...), weiß ich, dass Christian Schaad aka Der Videomann (Regisseur von fünf der sieben Clips) am Schneiden ist, so dass wir im Januar die nächste Nummer präsentieren können.

 

An dieser Stelle möchte ich gerne einmal mehr betonen, dass mein etwas naives Konzept "Stück für Stück" ohne die Mithilfe von einigen Freunden so nicht durchführbar, da nicht bezahlbar wäre. Sowohl Musiker wie auch die Clipmacher ließen sich alle für symbolische Gagen oder gar Gotteslohn für das Projekt begeistern.

Die Rockzipfelkasse ist aber natürlich auch so am Arsch und darum bin ich froh, dass ich meinen Flug für die Überwinterung bereits im Frühjahr kaufte. Jetzt bin ich schon wieder voll drin und denke an die Band, die sich vor meiner Abreise formiert hat und ab Mai 2010 auf die Bühne soll und an die Platte die im Frühjahr erscheint und an den Clip, der Mitte Januar fertig sein soll und und und...

 

 

Was hat dich diese Reise gekostet, wo bist du genau und wie lange bleibst du da?

 

ROCKZIPFEL: Du willst einem Schweizer in den Geldbeutel schauen? ;-)... Ok. Ich weiss nicht genau was mich das alles kostet. Fakt ist: Meistens brauche ich, abgesehen vom Flug nicht viel mehr Geld, als wenn ich in der Schweiz bin. Also, Flug: ca. 1300 Franken und hier pro Tag für Essen, Reisen, Unterkunft und was so anfällt im Schnitt so zwischen 30 und 50 Franken. Das geht dann irgendwie so für 1 Monat. Ich war jetzt fast 3 Jahre nicht mehr länger weg - und da hat sich auf meine Reisekonto (ja, ich habe tatsächlich so etwas) ein bisschen was angesammelt. Das gibt mir immer das Gefühl, dass ich jederzeit die Möglichkeit hätte irgendwohin zu fahren und mal kurz gar nichts tun. Das Budget ist übrigens für zwei Personen und: Alte Liebe:-) Links von mir das Meer, hinter mir die beste Küche Thailands (da bin ich inzwischen) vor mir ein Chang-Bier und zu meiner rechten der Dschungel... Aber jetzt sind wir ziemlich abgekommen vom "Alter Ego" Rockzipfel, um das sich dieses Interview eigentlich drehen sollte ;-)

 

 

Ich spare übrigens in einem Original-Porzellanschwein für den nächsten Griechenlandurlaub, falls bis dahin Griechenland wegen der horrenden Schulden nicht meistbietend auf ebay verkauft wurde. Na dann, back to the Rock... und dem Zipfel! Was hat es überhaupt mit diesem lustig-skurilen Namen auf sich? Wie kam es dazu?

 

ROCKZIPFEL: Dazu gibt es verschiedene Erklärungen und alle sind richtig. Dieser Name flog mir irgendwie zu und setzte sich fest und da ihn alle um mich herum einprägsam fanden, fungierte ich fortan unter diesem Pseudonym. Natürlich hat der Name auch etwas lächerliches. Etwas, das so gar nicht Rock'n'Roll ist, etwas Pubertäres und das wiederum ist sehr Rock'n'Roll und darum gehts.

 

Es sind kleine Songs, die ich da mache, Songs, die vielleicht noch nicht ganz erwachsen sind - dies vielleicht aber auch gar nicht werden wollen oder können - denn wer die Naivität vollends aufgibt, kann mit Popmusik eh nichts mehr anfangen. Es sind große Gefühle in kleinen Songs und der Name zeigt mir auch immer wieder, dass das was ich hier mache nicht soooo wichtig ist.

 

Ich weiss, dass wenn ich in etwas sehr viel Energie, Zeit und Herzblut stecke - eine Sache grösser werden kann als sie eigentlich ist und Rockzipfel wird schon vom Namen her nie richtig groß und wichtig werden können. Diese Einrichtung hilft mir sehr einfach meine Songs zu schreiben und mein Ding durchzuziehen, ohne falsche Erwartungen zu entwickeln. Trotzdem gebe ich in allen Belangen Vollgas - weil ich einfach nicht anders kann. Man will "der Welt" ja auch zeigen was man erschaffen hat...

 

 

Aber träumst du nicht auch, wie jedes Pop Kid, vom ganz großen megamäßigen Erfolg als Musiker, Filmstar, Superhero?

 

ROCKZIPFEL: Aber sicher doch. Keiner der diesen Traum je geträumt hat, wird ihn je ganz vergessen. Natürlich will ich in die Charts, auf Platz Eins. Ich will der erste Schweizer Mundart-Künstler sein, der es in Deutschland auf Platz Eins schafft und ich will auch in die Billboard-Charts und das Hallenstadion in Zürich drei Abende nacheinander füllen. Ja. Ich hab die Bubenträume nicht vergessen. Aber: Ich habe auch begriffen, dass es um etwas anderes geht. Erfolg darf nur eine nette Begleiterscheinung davon sein, was einem wichtig ist und am Leben erhält. So seh ich das heute. Mir müssen meine Musik und meine Songs etwas geben, das nicht damit zusammenhängt wie oft sich ein Titel verkauft. Das heißt nicht, dass ich mich vom kommerziellen Gedanken vollends abgewendet habe. Aber: ich habe lieber viel Freude an einem Produkt, das sich nicht verkauft, als dass ich etwas machen würde was mir gar nicht entspricht, nur um es an den Mann bringen zu können, um danach festzustellen, dass sich trotzdem niemand dafür interessiert. Um so toller ist es dann natürlich, wenn ein Song bei anderen Leuten ankommt und auch anderen etwas bedeuten kann.

 

Nach deiner Rückkehr vom Winterquartier hast du also klassische Rock'n'Roll-Pläne: Band, Tours, usw. Wie bringst du dieses ambitionierte Projekt 2010 und mit wem auf die Bühne?

 

ROCKZIPFEL: Wir, also ich und die Band, sind daran einen Rockzipfel-Live-Sound zu suchen, zu entwickeln. Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht all zuviel dazu sagen, weil ich auch noch nicht weiß, wie und ob uns das gelingt. Es muss eben :-).

 

Bandmitglieder: Francois Terrapon (Ex Handsome Hank / Hanery Ammann), Chris Specker (Schmiir, Monochrome, Undergod) und Tobi Gmür (Mothers Pride). Ich weiss nicht wieviel euch diese Namen sagen. Alles tolle Musiker und Leute, die ich sehr mag und schätze. Mehr kann ich dazu im Frühjahr erzählen.

 

 

Apropos tolle Musiker: wie und/oderwo hast du das Gitarrespielen, Singen und Rocken gelernt? "Weltruumbar" ist ein wirklich famos klingender und toll gespielter Poprock-Song...

 

ROCKZIPFEL: Gelernt hab ich eigentlich gar nichts. Ich machte einfach. Zwar spielte ich mich in meiner Kindheit von der Geige zur Flöte über die Posaune und das Klavier hin zum Bass und schließlich zur Gitarre. Ich merkte aber bei der Gitarre, dass ich nicht üben kann. Ich wollte immer nur spielen. Mit etwa 20 riss ich mich nochmals am Riemen und schrieb mich ein für Gitarrenstunden an der Jazzschule. Nach zwei Lektionen war die Freude aber dermaßen vorbei, dass ich alles wieder hingeschmissen habe. Ich seh mich nicht als Musiker. Einfach nur als Songschreiber - als Liedermacher.

 

Daher habe ich mir für den musikalischen Teil jetzt auch Musiker geholt, mit denen ich eigentlich gar nicht mithalten kann. Es war mir wichtig Leute an den Instrumenten zu haben, die MUSIK und nicht SPORT machen. Das heißt: Leute, die auch bereits sind C, F und G-Akkorde zu spielen, obwohl sie alles andere auch draufhaben. Ich freue mich sehr darauf, mit diesen Musikern ab Januar 2010 zu arbeiten.

 

Hast du schon über ein adäquates Merchandising nachgedacht? Röcke mit Zipfeln, Zipfelmützen, usw.? Könnte ja im Vorfeld angeleiert werden, um die nächst größeren Tourbus zu mieten...

 

ROCKZIPFEL: Ne. Jetzt wird erstmal gespielt. Das ganze muss sich Live nun mal entwickeln und viel wichtiger als Merch ist mir, dass das Album erscheint und wir damit etwas rumkommen. Ich möchte auch nicht zu sehr mit dem Namen Rockzipfel spielen, da mir - auch wenn ich den Ball flach halte - die Songs und deren Inhalt natürlich sehr wichtig sind.

 

Wie kann dir eine Plattform wie c-tube bei der Umsetzung deiner Pläne helfen, oder noch besser (für dich ;-): was erwartest du von einem solchen Internet-Format wie c-tube eines ist?

 

ROCKZIPFEL: c-tube ist für mich vor allem eine sehr lebendige Plattform. Ich finde es toll zu sehen was andere machen und mit welchen Mitteln sie das tun und ich schätze es sehr, dass man hier direktes Feedback kriegt, von völlig außenstehenden Leuten.

 

Wenn ich hin und wieder 'ne Mail kriege von jemandem, der mich über c-tube entdeckt hat, sind meine Erwartungen bereits mehr als erfüllt. Was auch toll ist an c-tube: Irgendwie lasst ihr euch ständig was einfallen und haltet so die Plattform am Leben. Das ist toll und wichtig für alle, die ihre Sachen hier posten. Thanx!

 

 

Mit welchen Plattformen arbeitest du wie zusammen? Und welche kannst besonders empfehlen?

 

ROCKZIPFEL: Für mich als Schweizer ist mx3.ch sehr wichtig. Da ist inzwischen fast jede jemals existierende Schweizer Band drauf. mx3 ist eine einfach aufgebaute, aber sehr ausgeklügelte Page: Alles da was nötig ist und keinen Schnickschnack. Die Page ist auch so etwas wie ein Pool, der von den Senderketten von Schweizer Radio DRS regelmäßig durchgepflügt wird und so landet die eine oder andere Band im Radio, bevor sie überhaupt 'ne Platte gemacht - geschweige denn einen Plattenvertrag hat. Neben mx3 bewirtschafte ich auch MySpace, obwohl da nicht mehr wirklich viel los ist - und natürlich Facebook, das vielleicht wichtigste Tool, da man die Leute sehr direkt ansprechen kann und die Chance besteht, dass jemand so beim durchklicken an etwas hängen bleibt. Auf den anderen Plattformen sind es nun mal hauptsächlich die Bands selbst, die auch das Publikum sind - auf Facebook ist die Welt ;-)

 

 

Welches Verhältnis hast du eigentlich zu Deutschland und den Deutschen?

 

ROCKZIPFEL: Ehrlich gesagt war ich bis ca. 15 ein großer Fan der deutschen Fussballelf. Das war nicht immer einfach als Schweizer - doch fußballtechnisch gesehen natürlich einiges einfacher als ein Fan der Schweiz zu sein, was ich natürlich auch war und bin. Die Zeit des Kaisers als Coach und Klinsi, Völler und Co. war meine Zeit und durch die Nummer 18-Klinsmann wurde ich dann sogar noch VFB Stuttgart-Fan ;-) Ich hatte und habe zu Deutschland aber, wie die meisten Schweizer, ein komisches Verhältnis. Ich liebe die deutsche Sprache und beneide euch um diese oft auch ein bißchen, und auch musikalisch kam immer mal wieder was aus Deutschland, das mich packte. Ihr hattet Kraftwerk, ihr habt die Hamburger Schule, ihr habt Udo Lindenberg und noch so viel mehr... Ansonsten verstehe ich aber auch viele deutsche Sachen nicht, wie zum Beispiel einen Mario Barth oder einen Oliver Pocher - die vielleicht einfältigsten Humorproleten, die alle so lieben. Genausowenig verstehe ich, wie man beim Film "Der Schuh des Manitou" lachen kann. Aber ihr könnt Fussball spielen, verdammt nochmal, und wie...

 

 

 

Nachdem wir einen tiefen Blick in die Seele eines schweizer Gitarreros nehmen durften, wollen wir das Interview mit ein paar bunten Fragen abrunden.

 

a) Welche Musiker haben dir in deiner Jugend Hoffnung gegeben?

 

ROCKZIPFEL: Da waren einige Schweizer wie Rumpelstilz, Züri West, Patent Ochsner und allen voran Mani Matter. Dann waren da aber natürlich auch die Beatles, die einzige Popplatte im Klassik- und Jazzhaushalt meiner Eltern. Meine musikalische Sozialisierung führte mich eine Zeitlang in den übelsten Haarspray-Metal-Bereich, landete letzlich aber dann doch wieder und immer wieder bei den Beatles, bei The Clash (siehe das Cover meines Debüts), bei The Police, Prince und viel zu spät entdeckte ich, wie sehr Johnny Cash oder Bob Dylan die Lebensthemen behandeln, die mich beschäftigen.

 

Außerdem ist Dylan natürlich auch musikalisch nicht wegzudenken und ich bin sehr froh, dass mich Dylan zutiefst berührt - denn täte er das nicht - müsste ich mich trotzdem mit ihm befassen, weil ohne Dylan soviel nicht oder eben anders wäre. Eine meiner aktuellen Lieblingsbands, die mich packt, fasziniert, berührt und deren Musik ich aus Respekt NIE zum Geschirrspüen hören würde sind die Eels bzw. der Mann den man E. nennt - Mark Oliver Everett. Ich liebe es, wenn Songs einem unmissverständlich klar machen, dass sie geschrieben werden mussten und nicht einfach entstanden sind und bei Mark Oliver Everett ist dies bei jeder Note, jedem Wort, jedem Einatmer mehr als klar.

 

 

b) Welche Platte war das Licht am Horizont, das Orientierung und Mut gab?

 

ROCKZIPFEL: Da gibt es viele und da kommen neue dazu und alte gehen oder bleiben... Eine Platte? Vielleicht "Nevermind" von Nirvana. Diese schlug bei mir, wie wohl bei vielen, auf's erste Mal ein, fegte mich weg, zeigte, dass Musik nicht tot ist und als ich mich viel später mit der Produktion, Butch Vig und den Hintergründen zu befassen begann, faszinierte mich das Album aufs neue auf eine ganz andere Weise. Aber auch wenn ich "Nevermind" heute höre, passiert emotional etwas mit mir, was auf Dauer nicht viele Alben schaffen, die ich vor langer Zeit mitten in der Orientierungslosigkeit zum ersten Mal gehört habe.

 

 

c) Hast du heute noch Idole?

 

ROCKZIPFEL: Ich bewundere viele Künstler. Aber: Poster aufhängen würde ich... - doch - von Johnny Cash. Lebensgroß...

 

d) Südafrika 2010 - Fußball-WM, und die Schweiz ist dabei. Wie wird's laufen?

 

ROCKZIPFEL: Wir überstehen die Gruppenspiele, Deutschland erreicht das Halbfinale und - ach Scheiße - vielleicht gewinnt ihr auch... - verdammt ;-). Zur Zeit glaube ich aber, dass es Spanien als erste Mannschaft schafft – als amtierender Europameister – auch den WM-Pokal zu holen und das wäre seeeeeeeehr cool.

 

 

e) Dein größter Wunsch für 2010?

ROCKZIPFEL: Dass meine Platte ein Publikum, meine Band einen Sound und die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft noch etwas Selbtsvertauen findet.

 

Links:

 

© Marcos López für c-tube Media GmbH, 11. Januar 2010